Erneut eingetaucht in eine spannende Historie

    Zum nunmehr fünften Witterdaer Heimatabend hatte Ortschronist Dr. Hubert Göbel am 20. Mai in die katholische Kirche St. Martin eingeladen. Themen des Abends waren die Geschichte Witterdas als Kurmainzisches Küchendorf und die Baugeschichte und Ausstattung der Kirche. Hubert Göbel referierte erneut kenntnisreich und anschaulich und überraschte die zahlreichen Zuhörer mit interessanten geschichtlichen Details.

    Hier eine Zusammenfassung der umfangreichen Darlegungen: 

    Wann die Christianisierung des Ortes begann, ist zwar nicht genau bekannt, wird aber bereits auf die Zeit vor dem 10. Jahrhundert datiert. Im Jahr 742 war das Bistum Erfurt durch Bonifatius gegründet worden, aber bereits 755 wurde es dem Bistum Mainz zugeschlagen. Kirchenrechtlich gehörte damit auch Witterda bereits zu Mainz. Später, im 12./13. Jahrhundert, wurde der Ort auch Teil des Erzstifts Mainz, seine Bewohner somit weltliche Untertanen des Fürstbischofs, der einer von drei geistlichen Kurfürsten des Heiligen Römischen Reichs war. Daher auch der Name Kurmainz. Zusammen mit den zumeist vier weltlichen Kurfürsten hatten diese das alleinige Recht zur Wahl des deutschen Königs oder Kaisers. Als Reichserzkanzler für Deutschland führte dabei der Mainzer Fürstbischof den Vorsitz. 

    Das Bistum Mainz war sehr groß. Es erstreckte sich vom Hunsrück bis zur Saale. Die Fläche des (weltlichen) Erzstifts war dagegen viel kleiner und vor allem sehr zersplittert. Das Erfurter Gebiet und das Eichsfeld bildeten zwei größere zusammenhängende Gebiete und lagen am weitesten von Mainz entfernt. Deshalb unterhielt der Kurfürst in Erfurt eine eigene Verwaltung, geleitet vom sog. Vizedom und mit einem großen Beamtenstab. Sitz dieser Verwaltung war der Mainzerhof, ein großes Areal hinter dem Domberg, an das noch heute der Mainzerhofplatz erinnert.

    Im Mainzerhof residierte auch der Küchenmeister. Er war der höchste ökonomische Beamte und hatte für die Versorgung des Hofes sowie das Eintreiben von Steuern und Abgaben zu sorgen. Diese Leistungen wie auch Fron- und Spanndienste hatten die Küchendörfer zu erbringen. Allerdings bekamen sie auch einige Privilegien, wie beispielsweise Zollfreiheit für ihre Waren auf dem Erfurter Markt und vergünstigte Brau- und Malzrechte, weshalb es damals hieß, dass „unterm Krumstabe gut zu leben sei“.

    Die Zahl dieser Küchendörfer änderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Am längsten gehörten Hochheim, Melchendorf, Dittelstedt und Witterda mit Rasdorf dazu. 

    Die kurmainzische Herrschaft und damit der Status eines Küchendorfes endete 1802, als nach der sog. Sakularisation die Erfurter Besitzungen und auch das zu Mainz gehörende Eichsfeld per Dekret an Preußen fielen.

    Nicht zuletzt dank ihrer engen Beziehung zum Kurfürstentum Mainz sind die Küchendörfer trotz vieler Kriege und vor allem der Reformation bis in die Neuzeit weitgehend katholisch geblieben. In Witterda findet dies noch heute seinen Ausdruck in mehreren Feldkreuzen in der Gemarkung, in der traditionellen Fronleichnamsprozession durch den Ort und vor allem in der großen, 1710 eingeweihten barocken Kirche St. Martin. Im weiten Umkreis ist diese Kirche die einzige im 18. Jahrhundert erbaute barocke Kirche im Erfurter Raum. Das ist umso bemerkenswerter, weil der Bau nur 60 Jahre nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges in Angriff genommen wurde. Durchziehende plündernde Truppen beider Kriegslager und zwei verheerende Pestepidemien hatten auch Witterda ausgezehrt. Die Einwohnerzahl war nach dem Krieg von 370 auf 176 gesunken. Ein Drittel der Wohngebäude waren zerstört. Pferde als wichtigste Arbeitstiere gab es nicht mehr. Hinzu kam im Jahr 1695 ein Großbrand, der 16 Wohnhäuser und 11 Scheunen zerstört hatte. 

    Trotz allem machten sich die Einwohner ans Werk. Zu Hand- und Spanndiensten wurde alle herangezogen.

    Angesichts der damaligen Transportmittel und Bautechnik nötigt uns noch heute die kurze Bauzeit Hochachtung ab: 1709 wurde der Vorgängerbau abgerissen. Nur der 1550-53 errichtete Turm blieb stehen. Für den vergrößerten Neubau musste das Hanggrundstück zuvor durch mächtige Mauern gesichert werden. Das Baumaterial wurde mit Fuhrwerken zumeist sehr weit herangeschafft. Nach weniger als zwei Jahren konnte der Neubau im November 1710 eingeweiht werden. Zu diesem Zeitpunkt war auch schon eine von der Erfurter Severikirche stammende Orgel eingebaut worden. Die weitere Innenausstattung, vor allem der barocke Hochaltar und die großen Deckenfresken folgten wenige Jahre später. 

    Wenngleich die künstlerische Qualität der Ausstattung nicht an die bekannter barocker Kirchenbauten heranreicht, ist sie doch für einen Ort wie Witterda beachtlich.

    Darauf waren die Menschen auch zu recht stolz. Ihr ausgeprägtes Heimatgefühl brachte der Benediktinerpater Fidelis Franke, der Kindheit und Jugend in Witterda verbracht hatte, in einem Heimatlied zum Ausdruck, das er vertonen ließ und dem Ort widmete. 1952 war es uraufgeführt worden. Der Text war einigen Einwohner noch bekannt, die Melodie allerdings galt als verschollen. Nachdem sie im Frühjahr dieses Jahres wieder aufgefunden und vom Herrn Heiner Rauch bearbeitet worden war, konnte das Heimatlied am Ende des Heimatabends mit Orgelbegleitung wieder erklingen. Ein gelungener Schlussakkord. 

    Quelle: Dr. Hubert Göbel, Fotos: K-concept

    Der Wortlaut des Liedes: 

    Heimatlied                                                                           

    Pater Fidelis Franke

    Wo Thüringens Gebirg’ sich senkt 

    zum Gera-Unstrut-Tale,

    wo Fahner Höh’ nach Osten schwenkt,

    da grüßt im Sonnenstrahle

    ein Dorf von waldgekrönter Höh’

    wie eine grün geschmückte Fee.

    lI: Die Heimat ist’s, mein Witterda,

    so schön wie kaum ein Dorf ich sah. :lI

    Vom Kirchberg winkt der alte Turm 

    mit Martins Heiligtume.

    Was er erlebt im Zeitensturm,

    singt er zu Wittern’s Ruhme.

    Er kündet laut, wie treu die Leut’

    gewesen sind in schwerer Zeit.

    lI: Ja, treu war stets mein Witterda,

    wie kaum ein Dorf in fern und nah. :lI

    Die Straßen sind zwar wen’ger fein,

    es sind ja Bergesstraßen.

    Nur Mut ! Steig auf ! Du wirst dich freu’n

    bald über alle Maßen,

    wenn dann dein Blick ins Weite schweift

    und selbst zur Brockenhöhe greift.

    lI: Du singst gewiß: O Witterda,

    so schön wie kaum ein Dorf ich sah. :lI

    Ob schneeig-weiß die Kirschen blüh’n

    an unsern Höhenzügen,

    ob sich die Auen kleiden grün,

    ob sich im Winde wiegen

    die Halme auf der üpp’gen Flur,

    du wirst entzückt stets singen nur:

    lI: Wie schön bist du, o Witterda,

    so schön wie kaum ein Dorf ich sah. :lI

    Und die Bewohner sind so treu,

    sind wack’re, fleiß’ge Bauern,

    sind vorwärts strebend und nicht scheu

    vor Wind und Wetterschauern.

    Der Wald gab ihnen viel Gemüt,

    drum lieben sie ein frohes Lied.

    lI: Drum sang auch gern stets Witterda,

    wenn man beim Gottesdienst es sah. :lI

    O vielgeliebte Heimat du,

    wahr’ deiner Väter Güter!

    Lieb’ Väterbrauch nur immerzu

    und sei ein treuer Hüter!

    O lieb’ Sankt Martins Heiligtum,

    dann Heimat wahrst du deinen Ruhm.

     lI: Dann bleibst du treu, mein Witterda,

    und Treuen ist der Herrgott nah. :lI